17.02.2010 / Feuilleton / Seite 13Inhalt

Chaos regiert. Sound – Teheran/Wien

Für Heinrich Dubel

Von Peer Schmitt
In Rafi Pitts Wettbewerbsbeitrag »Zeit des Zorns« (»The Hunter«) (BRD/Iran 2010) spielt der Regisseur selbst die Hauptrolle. Einen mürrischen Mann, der in Teheran beim Wachschutz auf Nachtschicht arbeitet. In seiner Freizeit geht er auf die Jagd. In einer Einstellung zielt er mit seinem Jagdgewehr direkt in Kamera. Ein deutlicher Hinweis.

Zunächst wird der Film aber maßgeblich vom Stadtbild Teherans bestimmt. Motivisch eingesetzte Totalen von gewaltigen Stadtautobahnen (Einstellungen, die mich stark an die Bilder der »freeways« von L.A. aus 70er-Jahre-Krimis erinnerten). Oder auch Einstellungen vom einsamen Jäger mit seiner Knarre im Vordergrund mit einem verschwommenen Panorama endloser Häuserfassaden im Bildhintergrund.

Dazu hört man eine Soundlandschaft aus Straßenlärm, Fragmente von politischen Diskussionen und Parolen in Radio und Fernsehen im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahlen, dazu Sprachfetzen der Parolen nächtlicher Demonstranten – »Nieder mit der Diktatur«.

Der Mann lebt zusammen mit Frau und Kind in einem denkbar neutralen Neubauviertel. Er sieht sie selten, da ständig auf Nachtschicht. Geht er mit ihnen mal auf den Jahrmarkt, dann gleich zum Schießstand (Knarre, Auto, Autobahn sind die Leitmotive). An einem Abend kommen Frau und Tochter nicht nach Hause. Die Polizei erklärt ihm, die Frau sei bei einem Schußwechsel ums Leben gekommen, die Tochter verschollen. Es sei ein Unfall gewesen, eine streunende Kugel, man wisse nicht genau, ob die Frau von der Polizei oder von Aufrührern erschossen wurde. Es hat also irgendwo in der Riesenmetropole Aufstände mit Schußwechseln gegeben! Chaos!

Der Mann geht danach auf einen suizidalen Trip. Seine Version der »surrealistischen Tat« (André Breton bekanntlich: »Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.«). Von seinen Jagdgründen am Stadtrand bewegt sich der Mann zu einer Autobahnbrücke, wartet auf das erste Polizeiauto und drückt gezielt ab. Und er ist ein guter Schütze.

Die zweite Hälfte des Films ist dann ein parabolisches Psychodrama mit zwei Polizisten (einer korrupt und über Leichen gehend, der andere hilflos und paranoid) im Wald.

Auch diese zweite Hälfte kommt allerdings auf einen Sniper-Scherz hinaus, der dem Schluß von George A. Romeros Zombie-Klassiker »Night of the living dead« nicht unverwandt ist. Hat das nun politische Implikationen?

Das Abgründige von »Tage des Zorns« liegt weniger in der politisch-kritischen Verrätselung, in den möglichen Bedeutungen möglicher allegorischer Sichtweisen, sondern in den Unmittelbarkeiten der erwähnten Soundlandschaft: Kurz bevor der Jäger von der Polizei gejagt wird, steht er am Strand und sieht am Horizont einen Hubschrauber. Der Hubschrauber kommt näher, schwebt über ihm. Er weiß nun, daß er von der Polizei verfolgt wird. Das Gefühl der Verfolgung wird dabei natürlich vom Lärm des Hubschraubers verstärkt. Der Hubschraubersound ist das Wesentliche, ein immer abstrakter werdendes Grundrauschen, ein Realitätseffekt des Unheimlichen.

Dieser Hubschrauberlärm ist ein Geräusch, das – in der Terminologie des Filmtheoretikers Michel Chion – an der Grenze von einem »visualisierten« (bei dem der Zuschauer die Geräuschquelle sieht bzw. kennt) zu einem »akusmatischen« Sound (keine erkennbare Geräuschquelle) anzusiedeln ist. Auf einer anderen Ebene betrifft das dann die Grenze zwischen einer konkreten Verfolgung (die auch politischer Natur sein kann) und dem abstrakten Unheimlichen, der politischen wie psychologischen Ambivalenz.

Benjamin Heisenbergs Wettbewerbsbeitrag »Der Räuber« hat damit nicht nur thematische Ähnlichkeiten– ein gesuchter Krimineller wechselt vom Jagen zum Gejagtwerden –, sondern auch ähnliche Soundeffekte, Autobahngeräusche, Hubschrauber.

Das Wesentliche des Sounds ist an einer Stelle dann auch Gegenstand direkter filmischer Selbstreflexion. Die Titelfigur befindet sich im Kino. Man sieht nicht, was er sieht. Aber man hört, was er hört – den Sound einer Autoverfolgungsjagd aus irgendeinem Actionfilm. Und ähnliche Sounds bestimmen dann auch die Filmhandlung gegen Ende mehr und mehr. Die unheimlichen Soundlandschaften sehr einsamer Aufrührer. In Teheran wie in Wien.
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