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Exodus ins All

Politisch, utopisch, sarkastisch: Die Goldenen Zitronen entdecken auf ihrem neuen Album den verlorenen Posten als Ort des Neubeginns Von Diedrich Diederichsen

17. Oktober 2009 Ein Berliner Linienbus mit vom Atem der aufgeregten Passagiere beschlagenen Scheiben steht auf einem unbeleuchteten Parkplatz. Wir befinden uns in einer dieser Brachen zwischen Lichtenberg und Oberschweineöde, die immer noch für die Poesie der Hauptstadt zuständig sind. Draußen weht kalter Herbstwind durch sumpfiges Nichts, drinnen wird gekifft und geklampft. Plötzlich weisen die Insassen einander auf zwei kostümierte Gestalten hin, die mit einem Mal aus der Nacht gewachsen sind: "Das sind Goldbeere und Tom Bombardil", brüllt einer mit hamburgischem Akzent. "Wie geil!" Doch dann fährt der Bus wieder an. Eine Reise durch die psychedelische Vorhölle des nächtlichen Berlins war angekündigt, am Ende soll das Jahr 1990 erreicht werden und das Pink-Floyd-Konzert zu "The Wall" im Niemandsland zwischen Ost und West, im Niemandsmoment zwischen zwei historischen Epochen.

"Der Sumpf. Europa Stunde null" beginnt als ein Off-Theaterstück im Hof der Sophiensäle, nutzt aber vor allem den Bus als Bühne und Zuschauerraum: den klassischen Schauplatz gegenkultureller Schlüsselerlebnisse, von dem Magic Bus des Ken Kesey und seiner Merry Pranksters bis zu den beiden Bussen mit den Richtungschildern "Nowhere" und "Boredom" auf dem Sex-Pistols-Cover von "Pretty Vacant". Ted Gaier, Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen und einer der vier Autoren des Stückes, ist der Meinung, dass das Jahr 1990 allgemein aus dem Gedächtnis gelöscht worden sei. Alle feiern 1989, jeder erinnert sich an 1991, das Jahr von Hoyerswerda, aber was war 1990?

Ted Gaier ist genau wie Schorsch Kamerun, das andere noch aktive Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen, schon seit einer Weile als Theaterautor und Regisseur tätig. Er war Co-Autor des Hafenarbeiter-Kommintern-Thrillers "Hölle Hamburg" und betreibt Ensembles wie das Schwabinggrad-Ballett. Kamerun und Gaier bespielen Stadttheater und Off-Bühnen, leben von Mikro-Produktionen oder von Kulturstiftungsknete, aber immer geht es um die letzten fünfzig bis hundert Jahre linker Subkulturgeschichte: ob als groteske Nummernrevue oder als dichte Akkumulation von untergründig miteinander verbundenen Materialmassen - von Jules Vallès bis Hubert Fichte, von Roger Waters bis Radovan Karadzic reicht das Einzugsgebiet.

Im Bus begegnen sich verkiffte Tolkien-Fans, die sozusagen aus der Vergangenheit der psychedelischen Kultur anreisen, mit dem Vorschein der nahen Zukunft: einem serbisch-deutschen Floyd-Fan, der "für Radovan" in den Krieg gegen Bosnien ziehen wird. Dazwischen weiß eine linke Forschungsgruppe einiges zu berichten, die in den frühen neunziger Jahren für die neue gesamtdeutsche Bundesregierung die Verwicklung westlicher Finanzakteure wie Crédit Lyonnais in den Untergang der ostdeutschen Wirtschaft recherchierte. Bis der Auftraggeber sie stoppte und unterschreiben ließ, nichts davon nach außen dringen zu lassen. Auch diese Geschichte versackt im Sumpf der Stunde null.

Im Laufe der Nacht fährt der Bus das Publikum zu immer mehr finsteren Höfen oder lässt es auf unwegsamen Trampelpfaden allein, wo sich dann kleine Performances, Sketche oder Debatten ereignen. Was Gaier gemeinsam mit Claudia Basrawi, Paolo Fusi und Samuel Schwarz über DDR-Wirtschaft, Psychedelia und tolkienbegeisterte Jugendliche mit Migrationshintergrund herauspräpariert hat, ist veritabler Stoff für einen dieser aus kulturhistorischen Parallelerzählungen geflochtenen, non-linear erzählten Gegenwartsromane von Bolaño oder David Foster Wallace, die dieses Jahr die Bestsellerlisten erreichen.

Doch die Goldenen Zitronen sind auch selbst eine gelebte, nicht lineare Erzählung aus Parallelnarrationen. Das Format der Band produziert auf die Dauer eine völlig neue Form von Kollektivbiographie. Etwas Ähnliches kennt man allenfalls von einigen literarischen und künstlerischen Zeitschriften. Während die Publikations- und Avantgardeprojekte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht einmal das Alter der Geschlechtsreife erreichten, wimmelt die Welt heute von Bands in den besten Jahren.

Einer Band schließt man sich an, weil man seine Familie verlassen will. Viele verlassen dann wieder die Band, womöglich, um selber eine konventionelle Familie zu gründen. Andere lässt diese erste, ganz aus den freien Stücken des pubertären Unabhängigkeitsstrebens getroffene Entscheidung nicht mehr los. Bands gründen sich neu, reformieren sich, oder andere bleiben gleich zusammen - wie die Goldenen Zitronen, wahrscheinlich neben Sonic Youth das dienstälteste Ensemble der Generation Postpunk. Im letzten Jahr würdigte der Hamburger Filmemacher Peter Ott sie zum 25-jährigen Bestehen mit der treffend betitelten Dokumentar-Extravaganza "Übriggebliebene ausgereifte Haltungen", jetzt erscheint ihr neues Album "Die Entstehung der Nacht".

Zu den Zitronen haben schon zirka zehn Leute beigetragen, dazu Assoziierte, Freunde, wie auf dem neuen Album Melissa Logan von Chicks on Speed, Mark Stewart, einst Gründer der Pop Group, und Michaela Melián von F.S.K., einem anderen verwobenen Bandroman. Eine Band im Alter der Zitronen ist ein Wesen, dessen Gesetze und Gewohnheiten selten bemerkt oder gar systematisiert worden sind. Teils gewolltes und absichtsreiches Kunstwerk, teils unsauber wucherndes, mehrköpfiges, mytho-biologisches Drachentier, schließlich aber auch als soziokulturelles Monster gewinnt die Band immer mehr an Autonomie gegenüber ihren Mitgliedern und nötigt diejenigen, die ihr am nächsten sind - in diesem Falle Gaier und Kamerun -, gerade wenn sie doch an sie glauben, sich immer wieder von ihr zu entfernen. Ott hat in seinem Film daher die Interviewpassagen mit Gaier und Kamerun als Vertretern der Band-Kontinuität auch von zwei (gesetzten älteren) Schauspielern spielen lassen. Der Geist der Band lässt sich nicht durch empirische Künstler vertreten.

Doch was machen die, wenn sie sich entfernen, wenn sie an der Differenz zwischen dem Leben als individuelle Künstler und als Teil einer Überindividualität arbeiten, die man sich wie den lebenden, fühlenden Stern aus "Solaris" vorstellen kann? Nun, sie betreiben genau jene subkulturalistische Grundlagenforschung, die schon die Zitronen selbst sich zum Lebensthema erklärt haben. In idealen Kollektiven geschehen nämlich gerade die idiosynkratischen Abweichungen immer zum Nutzen des großen Alien, von dem wir alle ein Teil sind. Seit drei Veröffentlichungen kann man dabei feststellen, dass eine stärkere Verselbständigung des musikalischen Teils mit einem immer schärferen und eigentlich reichlich hoffnungslosen Ton der Texte einhergeht. Der Sarkasmus, mit dem Kamerun die nah am Original zugespitzten, neobürgerlichen Satzbausteine aus Galeriengesprächen, Fernsehmoderationen und Leitartikeln vorträgt, scheint tatsächlich kaum etwas übrigzulassen als den Exodus, von dem die Band in "Wir verlassen die Erde" träumt. Wie einst Sun Ra für die afroamerikanische Bevölkerung den Exodus zum Saturn als letzte politische Möglichkeit beschrieb, können auch die Goldie People offensichtlich nur ins All emigrieren.

Dem widerspricht allein eine autonomisierte Musik. Nicht mehr zu Songs wird hier gesungen, gehöhnt und gefaucht, sondern zu im Studio improvisierten, feinen Fragmenten von Jams, die allerdings immer bestimmten Genres und Klangwelten zugeordnet sind. So weit ist es nämlich auch mit einem Ensemble gekommen, das sich einmal gegen die Bezeichnung Fun-Punk wehren musste: von Steve Reich bis zu neuer digitaler Abstraktheit, von bis zur Unkenntlichkeit zugespitzten ethnomusikalischen Ausflügen über die Hommage an die Hippie-Naivität der krähenden Proto-Björk Melanie Safka bis zu produktiven Verarbeitungen von linksradikal inspirierter, komponierter Musik - man denkt an Hanns Eisler oder Stefan Wolpe - reicht die Bandbreite des neuen Albums. Das Ausleben dieses künstlerischen Aneignungskönnens auf der entspannten Session-Ebene übernimmt die politisch-utopische Komponente des sarkastischen Albums. Fast ist dies eine Konstellation der fünfziger Jahre: die Kritik wird zur reinen Negation, die autonome Musik übernimmt den Part des Utopischen. Es ist allerdings keine in sich gekehrte, fragile Musikantenautonomie: Es geht nach vorne, stiefelt vorwärts, schmeißt sich mit Wucht in den Zusammenhang.

Zur Band gehört de facto auch der Maler Daniel Richter, Weggefährte seit den Schleswig-Holsteiner Frühachtzigern. Auch er ringt um eine Chiffre für die historische Lage postutopischer Praktiken. Mittlerweile scheint er eine Formel gefunden zu haben: Es ist ein ewiger Laterne gehender Gespensterherbst, in dem sich das Nichtverwirklichte am Leben erhält - oder besser: am Untotsein. Richters Cover-Art macht es sich fast etwas zu gemütlich in der einmal gefundenen Idee der Zombie-History. Eine seltsam abgeklärte Gemütlichkeit entsteht aber immer leicht, wenn man auf verlorenem Posten ausharrt. Ist auch nicht das Schlechteste, Norddeutsche sind darin schon lange Experten. Neu ist, dass der verlorene Posten in voller Absicht als Ausgangspunkt einer künstlerischen und politischen Erneuerung eingenommen wird - von launenhaften, lakonischen Kapitänen.

"Die Entstehung der Nacht" (Indigo)

Text: F.A.S.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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