Foto: Martin Eberle
SNIPER Berlin


Permanentes AV-Labor (in Kooperation mit Safy Etiel, Berlin, 1996–2007; als Multimedia-Installation und soziale Skulptur in München, 1996; Budapest, 1997; Zürich, 2006)
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Der Hype, der niemals war

von Andreas Busche (erschienen im Flyer-Magazin Berlin, 1997)


Ich musste lachen, als ich kürzlich in einem Interview mit Documenta-X-Leiterin Catherine David, dieser knochentrockenen Kultur-Sachbearbeiterin mit der Aura von Schneewittchen und dem Charme einer Leni Riefenstahl, den Satz las: „Konzessionen interessieren mich nicht. Konzept ist alles. Und zu meinem Konzept gehören Offenheit und Neugier. Die Leute sollen keine Antworten erwarten, sondern Fragen stellen.“ Sie hätten gute Freunde werden können, Safy Etiel und Heinrich Dubel vom SNIPER und Catherine David. Aber "Katharina die Große" (Focus 7/97) bewies genau in den falschen Momenten dieselbe blasierte Ignoranz, der vor ihr schon Kunstkritiker, Hobby-Journalisten und Szenehelden erlegen sind. Vielleicht kann man es ihr nicht einmal übelnehmen, hatte ihr obsessiver Feldforschungsdrang sie zum Zeitpunkt des gemeinsamen Treffens doch schon über zwei Jahre lang durch ganz Europa geführt. Bis zur totalen Erschöpfung! Wenn man jemandem etwas vorwerfen kann, dann der Presse und jenen ahnungslosen Szenefiguren und party peoples, die unter Hochspannung nächtelang den kleinen Thrills hinterherhecheln, getrieben von einem aberwitzigen Frohsinns-Terror, immer auf der Suche nach dem Next Big Thing. Catherine David ist nie von solch niederen Instinkten angetrieben worden; sie hatte nicht mehr und nicht weniger gewollt, als die "schräge Techno-Kneipe Snipper’s" (SZ 116/97) 100 Tage lang auf der Documenta X nachzustellen. Am Ende nahmen sie sich aber doch alle nicht viel; sowohl die David (immerhin noch: "Konzept ist alles!", sieht aber den Wald vor lauter Bäumen nicht), wie auch Szeneorgan ("...stellt sich die Frage, ob die Zweitnutzung eines nicht ausgeräumten Fahrradschuppens in den Neunzigern noch als revolutionär gilt." Partysan 6/96) und seriöse Presse (Frage: "Was treibt Leute bei zwei Grad minus in ein feuchtes Abbruchhaus?" Wochenpost 2/96); standen letzendlich völlig überfordert inmitten der nur scheinbar chaotisch arrangierten Theater-Artefakte und hatten nicht begriffen.

Umso überraschender, dass gerade jemand, dem wir es nun überhaupt nicht zugetraut hätten, Rainald Götz, selbsternannter Techno-Karasek, an einem denkwürdigen Freitagabend im SNIPER die Zukunft des DJing gesehen haben will. Hatte er! Doch dazu später mehr.

Die Vielzahl der Missverständnisse, die grobe Unwissenheit vieler Besucher katapultierte die "Sniper Bar" (schon wieder Partysan! Merke, SNIPER – ohne Bar!) hatte nie den Anspruch, verwöhnten Hipstern irgendeine Form von Dienstleistung zu bieten! Der große Irrtum unserer Zeit, der Kunde sei König, hatte an diesem Ort, der sowieso nie Bar gewesen ist, keinen Bestand – im Mittelpunkt stand nie der einzelne "Gast", sondern das Ambiente, in das sich jeder einfügen musste und – wenn er nur wollte – auch problemlos konnte. Hier galten die "Rules". Sie hingen als selbstklebende Piktogramme direkt an der Eingangstür. Es waren nicht wenige, aber sehr simple, und alle hatten "Kein" als Imperativ. Bis auf "Rule No. 1": "Jeder kommt rein – oder nicht." Eine Türpolitik wie die Staatslotterie einer mittelamerikanischen Bananenrepublik! Irrtum! Die Ambivalenz des SNIPER hatte Methode, war Teil eines Gesamtkonzepts. Jeder war für sich selbst verantwortlich. Ob man reinkam (das Know-How), wie lange man es aushielt (die Toleranzgrenze: Stichwort SNIPER-Soundsystem) und ob man es überhaupt verstehen konnte oder gewillt war, sich auf "Sniper’s" (030 22/97) einzulassen, endete für viele in einem Zustand der Nicht-Existenz, gefristet in der Temporären Autonomen Zone des Berliner Nightlifes. Eine vortreffliche Guerilla-Taktik! Aber keine Entschuldigung dafür, dass alle Bilder vom SNIPER, die jemals in der Öffentlichkeit entworfen worden sind, so falsch waren. Die Selbstgefälligkeit der Presse hat den Postillen-Informationsanspruch mit schöner Regelmäßigkeit ad absurdum geführt. Der Blick hinter die Kulissen war dem heutigen Info-Bewusstsein nicht angemessen. Viel lieber gab man sich dem kurzen Eindruck hin. Prädestiniert für eine Bauchlandung in 99,9% aller Fälle.

In Wirklichkeit ist die Location SNIPER die Manifestation des mittlerweile zehnjährigen Projekts "Leben mit dem Holocaust am Ende des Jahrhunderts" gewesen. Kernstücke sind die konterkulturellen Waffensysteme SNIPER-Soundsystem, das Goetz so treffend als Zukunftsmusik bezeichnet hat, und SNIPER-Vision: Manipulation der Manipulation, Reanimation der getöteten Wirklichkeit, minus und minus ergibt plus. Sie brachen mit Hör- und Sehgewohnheiten und führten die Beliebigkeit von Ton und Bild vor. Unvorbereitete Besucher wurden einer audiovisuellen Radikaltherapie unterzogen, die einzig und allein zum Ziel hatte, den Sperrgürtel, den die Gehirnwäsche der omnipräsenten Infotainment-Maschinerie um unsere mediale Auffassungsgabe legt, zu sprengen.

Das allgemeine Unverständnis für SNIPER ergibt ein gruseliges Bild des Konsumbürgers in der Blüte des Desinformationszeitalters: Desinteresse (die beliebige Hatz nach schneller Bedürfnisbefriedigung), Orientierungslosigkeit (das willenlose Verlangen, sich wie Lemminge in sinnentleerte Freizeitrituale zu stürzen), Schizophrenie ("Der Laden ist ja echt geil, aber könnt ihr nicht mal andere Musik reinlegen?"), schlicht: Verblödung. "Snyper" (Berliner Zeitung 185/97) stand wie ein Mahnmal gegen diese Form der Degeneration, und die grobe Fehldiagnose von außen, resultierend aus genau den obengenannten Gründen, war: Die SNIPER-Leute seien arrogant, vielleicht das größte aller Missverständnisse, denn von vorneherein hatte es nie Vorurteile/Selektion gegeben, ob nun gegen Yuppie, Filzhaar oder Döner-Tourist. Wichtig für das Learning-by-Doing-Konzept war ja gerade, dass im Prinzip jeder reingekommen wäre. Oder eben nicht!
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SNIPER

von Ed Benndorf
(aus Konkursbuch 35 Theaterperipherien, Hrsg. Hartmut Fischer, Konkursbuchverlag Tübingen 2001)

Freiheit allein macht noch keinen angenehmen Ort. (Roland Barthes)


Ich gestehe, dass ich unfähig bin, mich für die Schönheit eines Raumes zu interessieren, wenn sich darin keine Menschen befinden; und umgekehrt, um zu entdecken, was an einem Gesicht, einer Silhouette, an einer Garderobe interessant ist, um an der Begegnung Geschmack zu finden, muss auch der Ort dieser Entdeckung seine Interessen und seinen Geschmack für mich haben. Vielleicht verführte mich deshalb der SNIPER. Ich fühlte mich hier wohl.

Das Bemerkenswerte war nicht die technische Leistung, sondern das Erscheinen einer neuen Kunst, neu in ihrem Material und in dessen Anwendung; denn es handelte sich um eine öffentliche Kunst insofern, als sie sich inmitten des Publikums abspielte und nicht vor ihm, um eine totale Kunst (der alte griechische und wagnerianische Traum), in der sich Lichtpunkte, die Musiken und die Wünsche miteinander verbanden. Das bedeutet, dass die "Kunst", ohne mit der vergangenen Kultur zu brechen, sich jenseits der Zwänge kultureller Dressur entfaltete: jene durch eine neue Art des Konsums besiegelte Befreiung; man betrachtete die Lichter, die Schatten, die Dekors, aber machte zur gleichen Zeit auch anderes: die bekannte Praxis des griechischen Theaters.

Im SNIPER war ich nicht gezwungen zu tanzen, um mit diesem Ort eine lebendige Beziehung einzugehen. Einsam, oder zumindest ein wenig abseits, konnte ich "träumen". In diesem vermenschlichtem Raum konnte ich plötzlich ausrufen: "Wie ist das alles seltsam!"

Der SNIPER war kein "Schuppen" wie die anderen: er vereinte an einem einzgen Ort Vergnügen, die normalerweise verstreut sind. Das alles hat etwas sehr altes, das man Fest nennt und das etwas ganz anderes ist als Zerstreuung: ein ganzes Dispositiv von Empfindungen, bestimmt, Leute für eine Nacht glücklich zu machen. Das Neue war dieser Eindruck von Synthese, von Totalität, von Komplexität: ich war an einem Ort, der sich selbst genügte. Durch diesen Zusatz war der SNIPER kein einfaches Unternehmen, sondern ein Werk, und so können sich diejenigen, die es entworfen hatten, mit gutem Recht als Künstler fühlen.

Oft schien mir, ich fände in modernem Gewand etwas wieder, das ich bei Proust gelesen hatte: dieser Abend in der Oper, wo der Saal und die Orchesterfauteuils sich unter dem passionierten Auge des jungen Erzählers zu einer Meereslandschaft formen, sanft erleuchtet von Lichtkegeln, vom phosphoriszierenden Augenschein, vom blitzenden Feuer kostbarer Steine, von den flüchtigen Gesichtern und Gesten, die denen der Wassergöttinnen gleichen und in deren Mitte die Herzogin von Guermantes thronte. Nur eine Metapher, die mir aus der Ferne in Erinnerung kam und den SNIPER mit dem letzten Charme verschönte: dem Charme aus den Fiktionen der Kultur.
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> Szene Berlin: Planet Mitte (Art-Magazin 11/1997)

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