Feministische Heldinnen.
Bewusstheit, Konsequenz und mediale Körperlichkeit im Einsatz gegen die dunkle Seite der Macht
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von Heinrich Dubel und Andreas L. Hofbauer ***
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I.

Die Medienlandschaft nach Falsch- oder Fehlmeldungen zu sondieren, ist Aufgabe und Teil des Forschungsfeldes der Autoren.
Wir meinen, dass langfristige Erforschung und Neubeschreibung von Irrtümern, Abweichungen, Täuschungen und Lügen einen zentralen strukturellen Einsatz im Feld des Szientifischen, Politischen und Gesamtgesellschaftlichen darstellt.

Freilich beschränkt sich derartiges Tun nicht allein auf kommerzielle Massenmedien, sondern erstreckt sich ebenso auf Veröffentlichungen aus dem Bereich sogenannter Undergroundpublikationen. Fündig wird man häufig. Die Meldungen werden archiviert, verzeichnet und analysiert – vor allem aber wird abgewartet, ob und welche Resonanzen sich ergeben.

In Zeiten der strategisch aufgewerteten Hochkonjunktur von Verschwörungstheorien ist es nichts Besonderes, in einer bestenfalls als fragwürdig geltenden subkulturellen Gazette von einer überhandnehmenden Hollywoodisierung zu lesen – von einer Krake, die ihre Fangarme ausstreckt und in Gestalt der Restaurantkette Planet Hollywood ein globales Netz spannt – deren strukturelle und ideologische Beschaffenheit gerade in der urbanen Schaltstelle Berlin merkwürdige Blüten treiben soll. An und für sich wäre das allerdings nichts, was man nicht auch vom freundlichen Verschwörungstheoretiker nebenan hätte erfahren können; förmlich drängt sich gar die Vermutung auf, ein cleverer Sales-Manager habe seine Finger im Spiel gehabt. Etwas schmeckte hier aber nach, und dieses Etwas war die beiläufig eingeflochtene Bemerkung über ein Omelette Hedy Lamarr, das sich angeblich auf der Speisekarte des Planet Hollywood finden ließe. Ein Ruck ging durch die Gemeinde eingeschworener Hedy-Lamarr-Fans. Im eher künstlerisch/intellektuellen Umfeld sich bewegend, war ihnen eine auf edel getrimmte Franchising-Frittenbude kein Ort der Einkehr. Einzig Heinrich Dubel, mit seinem Faible für das wahrhaft Abseitige, verfügte über einschlägige Erfahrung, war er doch der Einladung Arnold Schwarzeneggers zur Berliner Gala-Eröffnung gefolgt. Wie jeder Gast an diesem Abend wurde er reichlich bewirtet und beschenkt, der wahre Triumph lag jedoch in der Tatsache, dass er sich Zugang zum inneren Sicherheitskreis des Megastars verschafft hatte, wo er Schwarzenegger besagten Artikel zur Unterschrift reichte. Dieser setzte ohne Zögern seinen Arnold. Auf die Frage, wo zum Teufel das Omelette Hedy Lamarr finden sei, reagierte er äußerst brüsk und ließ Dubel schlicht stehen. Handelte es sich um einen Fake? Waren windige Autoren unter dem Deckmantel populärkultureller Subversion auf den Hommage-à-Hedy-Lamarr-Zug aufgesprungen, der (aus Wien und Linz kommend) bereits Aufsehen erregt hatte? Zeit für einen Ortstermin.

Planet Hollywood Berlin, 1930h local time: Das Trainee-Begrüßungsfräulein ist schon eine richtige kleine Service-Persönlichkeit. Über Headset-Mikro werden die Autoren avisiert, auf diese Weise am Fuß der Treppe von einem zweiten Fräulein bereits erwartet, dass sie zu ihren Plätzen geleitet, wo sich ein drittes als Laura aus Irland vorstellt. Umgeben von verschiedensten Artefakten aus der Traumfabrik, teils museal in Glasvitrinen (der Cenobit Pinhead), teils dekorativ von der Decke hängend (Stuntcar of the Millenium), umspült von recht lauter Musik, gleichzeitig ausgesetzt den verschiedensten Movie- und Eigenwerbe-Clips (auf Monitoren und Projektionsflächen) wird eines sofort klar – die Überfülle an Verweisen, Zitaten und Anspielungen kaschiert die rohe, wenngleich unsichtbare Gewalt namenloser Leere.

Bedeutungsfreiheit: Die Papp-Personage der Stars (blass durch die Einstrahlung halogener Fluter, oder grell erneuert in der frischen Strahlkraft naiver Plakatmalerei) zeichnet sich aus durch Unschärfe der Eindeutigkeit ihrer Identität. Wer ist die dunkle Dame neben Til Schweiger? Und wo ist Hedy Lamarr? Auf der Speisekarte jedenfalls gibt es kein Omelette dieses Namens. Das Personal gibt sich unwissend (das kennt man), dass aber der Manager nicht weiß, oder vorgibt, nicht zu wissen, um wen es sich bei den Papp-Stars handelt, und die Fragenden an die Pressestelle in München verweist, wird als sehr bedenklich empfunden. Eindeutig weiß der Mann nicht über alles Bescheid, was in seinem Lokal vorgeht. Was hier aufscheint, ist Inkompetenz – persönlich, strukturell, institutionalisiert, verordnet und entschuldigt. Solche Formen sind aber, wie wir wissen, wesentlicher Bestandteil einer funktionsfähigen Hyperrealität, einer reibungslosen Instrumentalisierung.

Die Flächigkeit, auch die Flachheit der uns umgebenden Bilder, ihre heroische Verfasstheit, bestätigten die ideologische Tendenz, den hyperrealen Medienhelden um den Nimbus eines (nicht fehlerfreien) Normalsterblichen zu ergänzen, ihn zu einem Alltagsmenschen zurückzubilden, der (wie die endlosen Clips suggerieren) in jedem Augenblick das Lokal betreten könnte. Diese Differenz funktioniert als Puffer zwischen dem Medienhelden und der potentiellen Fangemeinde, und ermöglicht erst eine ikonische Identifikation, die in der Lage ist, perfekt medial und kriegstechnisch angeleitete Subjekte hervorzubringen.

Wo aber ist Hedy Lamarr? Dieser Problematik gilt das anschließende Tischgespräch, ein Versuch, die Dubelsche Behauptung zu belegen, bei der Person Hedy Lamarrs handele es sich im Grunde um eine feministische Heldin.


II.

Hedwig Eva Maria Kiesler verlässt nicht nur Österreich, als es von den Hitlertruppen besetzt wird, sondern lässt zugleich ihren Mann zurück, den Waffenfabrikanten Kiesler, der sich sofort mit den Nazis arrangiert. Hedwig Kiesler transformiert zu Hedy Lamarr.

So wie nicht allein die screen-appearence den Medienstar hervorbringt, so wird die feministische Heldin nicht nur durch die Darstellung von Widerstandshandlungen erzeugt. Hedy Lamarr erfindet (zusammen mit ihrem Freund George Antheil) ein Kommunikationssystem für die Funkfernsteuerung von Torpedos, eine Technik, die bis dahin nur unzureichend entwickelt war. Die Erfindung ist kriegstauglich und wird eingesetzt. Damit greift Hedy Lamarr (indirekt, aber effektiv) in den Krieg ein. Der Widerstand, den die Lamarr leistet, ist also ganz und gar praktischer Natur. Auch ist er nicht allein gegen den Feind, die Nazis, gerichtet. Auch gegen den Beschaffungs/Bewertungs-Apparat der (männlichen) Militärs muss sie sich durchsetzen. Man traut einer Frau und einem Musiker zunächst nicht zu, eine komplizierte und funktionierende Waffe zu entwickeln.

An der Seite Hedy Lamarrs steht ein anderer Star, Marlene Dietrich. Auch sie kehrt den Nazis den Rücken und hintergeht das Vaterland ganz wörtlich, indem sie Affairen mit hochrangigen Frontsoldaten hat oder sich fotografieren lässt, wenn sie mit GIs poussiert.

Der Einsatz der feministischen Heldin ist also sowohl auf einer persönlichen, sexuellen wie auf einer logistischen und medialen Ebene erfolgreich. Beide überqueren den Atlantik, handeln entgegen und brechen mit bürgerlichen und patriotischen Konventionen. Nichts zielt auf ikonische Anbetung, alles auf Aktion. Der mediale Zweitkörper wird der industriell-technokratisch-sexuellen Akkumulation entzogen und freigesetzt. Eine taktische Aktion, die alle Momente der Macht-Inkompetenz im selben Zug nutzt, ausbeutet und gegen die systemische Vernutzung wendet. Gegen die Medien- und Kriegstechnokraten landet die feministische Heldin einen Coup, der sich (und sie) weder in den Bereich der repressiven Bildverwaltung zurückschreibt, noch im Bereich der ideologischen symbolischen Ordnung institutionalisiert, ein Ereignis, das keine Identifikation erlaubt, ein Fluchtlinie, die der zeitlichen und räumlichen Rastrierung entgeht.

Der feministischen Heldin gegenüber steht das Weibchen, in dieser These verkörpert durch Ava Gardner und Marika Rökk. Das Weibchen bleibt auf seiner Seite des Atlantiks und paktiert mit der Macht (dem Mob, der Hollywood-Clique und den Kriegsgewinnlern bzw. mit Goebbels, Göring und den UFA-Fans von der SS). Statt Widerstand findet Aktion, wenn überhaupt, nur in der Repräsentanz statt, in Form einer Teilnahme an Propagandaübungen, die auf den medialen Körper beschränkt bleiben. Während die feministische Heldin den Schritt in die Freiheit, das Ungewisse und Fremde wagt, bleibt das Weibchen zurück. Während die feministische Heldin sich selbst und ihre Geschlechterrolle transzendiert, lässt sich das Weibchen transzendieren (von der jeweils dunklen Seite der Macht). An der Schnittstelle zwischen symbolischer Transzendierung der und dem Transzendiertwerden bereitet sich unterhalb der Geschichte und unterhalb der Bilder ein Schlag vor, der seiner Art nach ein rares und jeweils singuläres Ereignis darstellt.

Die medialen Körper feministischer Heldinnen verweigern sich bis zu einem gewissen Grad. Wie sie sich der Wiederaneignung entziehen, das heißt der Rahmung und Einkadrierung in die Bedeutungsmuster widersetzten, verdeutlicht keine Ausdifferenzierung (die eine Identifikation erleichtert), sondern ihre Immanentisierung. Der masselose Medienkörper stellt eine beständige Intervention zur Schau, die in keiner Weise mehr stattfindet. Die feministische Heldin quert diese Barriere, die sie unsichtbar an der Intervention hindern will ebenso, wie sie die verdichtete Verknüpfung von ideologisch transformierter Telepräsenz und Publicity stört (Gegenschläge werden und wurden unternommen, sei es durch den Versuch der ikonisch-identifikatorischen Aneignung durch einen Software-Riesen, oder durch platte ideologische Ironisierung durch Komikerchargen wie Mel Brooks).

Die feministische Heldin lässt sich nicht auf Stars, Sportlerinnen und Terroristinnen beschränken. Sie dringt auch in die mediale Logik, in das gesamte marsisch-maskuline System der Kriegführung ein, indem sie von den ideologischen Mustern abweicht, Souveränität auf ihr verweigerten Felder der technisch-politischen Kontrolle und Repräsentation erlangt und sich dann taktisch zurückzieht. Scheinbare Misserfolge, das Verschwinden/Vergessen, sind positive Merkmale und Nebeneffekte dieser Maßnahmen, da Identifikation verweigert und die ideologische Differenz durch Differenzierungstechniken ersetzt wird. Die feministische Heldin (Hedy Lamarr) steht für eine situationistische und nichtakkumulierbare Kraft, die sich der Hyperrealisierung aller sozialer Bereiche entzieht. Ein virtuelles und instantanes Experiment, das dem masselosen medialen Körper in seiner Abwesenheit erhält und erneuert und ihm Gewicht und Potential verleiht. Transgressivität und das Flottieren in verschiedenen Medien, die Merkmale der hyperrealen Simulationshelden, sind der feministischen Heldin fremd.


III.

Ob Mata Hari zur Kategorie feministischer Heldinnen gehört, mag ein künftiger Diskurs ergeben. Es konnte auch nicht geklärt werden, ob Hedy Lamarr im Papp-Pantheon der Hamburger-Lokale des Planeten Hollywood vertreten ist oder nicht, ob ein Omelette Hedy Lamarr nur nach einer geheimen Losung oder einem bruderschaftlichen Handschlag bestellt werden kann oder überhaupt nicht. In diesem Sinn bleibt das Arbeitsessen der Autoren vielleicht ergebnislos.

Beleuchtet wurde stattdessen die Ambivalenz des heroischen Diskurses der Medienkörper Krieger – Schauspieler – Priester, die an der Schnittstelle der Äquivokation von Krieg und Diskurs stets männlich verfasst sind, mit dem Ergebnis, dass, als vielleicht älteste rhetorische Figur innerhalb des Sozialen, die feministische Heldin sichtbar wurde, und deren vielleicht universellste Repräsentantin – Hedy Lamarr.
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*** Andreas L. Hofbauer lebt und arbeitet in Berlin. Er ist Philosoph, Autor, Übersetzer und Psychogeograf. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge, Übersetzungen und Projekte unterschiedlicher medialer Verfassung. Zur Zeit bereitet er eine Monografie zur Erotik der Stoffberührung vor, forscht zum Thema "der hysterische Mann" bei Thomas de Quincey und beschäftigt sich mit der Pandrogynität des Dandys. (> alhofbauer.wordpress.com)
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