Helikopter-Hysterie

Krystian Woznicki 26.11.1999

Heinrich Dubel befragt die Menschheitsgeschichte im Zeichen des Hubschraubers

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Es gibt Sammler, die sich auf eine einzige Sache spezialisieren. Ob eine bestimmte Gattung japanischer Comics, tropischer Palmen, Star Wars-Figuren, oder Christusportraits - je enger der Fokus, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung. Hier beginnt das Sammeln in Abweichungen. Manch einem tritt dabei ein pseudo-wissenschaftliches Ziel vor Augen, denn je umfangreicher das Archiv, desto vielsagender wird das Denken in Mustern. Heinrich Dubel ist ein solcher Archivar. Sein Forschungsgegenstand ist der Hubschrauber. Nun hat er seine Bemühungen, das Bild des Hubschraubers zu untersuchen, in einem Buch zusammengefasst.

Freiheitsimperativ oder Allmachtsbekundung der Apokalypse?

Gleich zu Beginn lässt uns der Autor wissen, dass der Konsum seines Buches mit Verständnisschwierigkeiten verbunden ist. Als Grund nennt er die Methode, derer er sich bei der Untersuchung bediente - die sogenannte Disziplin der Erratik. Den Ansatz bezeichnet er als "spekulativ-morphogen, disparat-assoziativ, psychographisch oder erratisch." Und doch kann man das Buch knapp zusammenfassen, ohne dabei die vermeintliche Komplexität außer Acht zu lassen. Zunächst erfahren wir, wie seine Studie des Helikopters motiviert ist, kurz: wie alles begann. Es ist scheinbar ein Zufall, dass Dubels Interesse an Helikoptern während einer Amerikareise zu Tage tritt.

"Während eines Aufenthaltes in San Francisco im Jahr 1987 stellte sich erstmals ein, was sich in der Folgezeit zu der seltsamen Obsession entwickeln sollte."

Er beginnt alles über Helikopter zu sammeln. Zeitungsausschnitte, Meldungen, Anzeigen, Bilder. Hauptsache sein neuer Fetisch findet Erwähnung, wird abgebildet, inszeniert. Seine Faszination weiß er zunächst nicht einzuordnen.

"Wie konnte ich die Umstände, ja wie mich selbst mit kühlem Interesse und gebotener Distanz betrachten? Ich schien mich in einer surrealen Episode zu befinden."

Dubel gräbt sich in die Frühgeschichte des Hubschraubers ein, und stößt auf einen chinesischen Kaiser, der knapp 2000 v.Chr. die ersten Flugversuche unternommen haben soll. Hier setzt der technische Teil des Buches ein, der sich über mehrere Kapitel erstreckt. Darin beweist der Autor nicht nur, dass er in der Lage ist, seinen Forschungsgegenstand von allen Seiten zu beleuchten, sondern auch, dass der technologische Aspekt bei dieser Pop-Ikone eine große Rolle spielt. Technikbegeisterung! Der Hubschrauber als materialisierte techonologische Potenz: als utopischer Freiheitsimperativ auf der einen und dystopische Allmachtsbekundung der Apokalypse auf der anderen Seite. Genau diese Dichotomie gilt - Dubels rationalisierter Einsicht zu Folge - als das Schlüsselmoment bei jeder Betrachtung, Einschätzung und Einordnung des Hubschraubers als Phänomen. Und Dubel scheut sich nicht, tief im Keller der Psychotropen zu wühlen. Er befragt C. G. Jung, die Quantenphysik und die Alchemisten, er zieht philosophische Register - all das, um die tieferliegenden Koordinaten freizulegen.

Dabei sind zahlreiche Abbildungen behilflich. Sie sind oft als Gegenüberstellungen in Paaren arrangiert. Vielsagend positioniert Dubel ein Portrait der Bundeswehrärztin und Hubschrauberpilotin Dr. Christine Bauer und darüber das Bild einer antiken Büste mit voluminösem, helmartigem Kopfschmuck. Das archetypische Kapital zeitgenössischer Bilder soll somit plastisch werden. Willkommen bei Dubels Rumpelkammer namens Populärkultur, und damit zum vierten Teil des Buches.

Die Analysekategorie Hubschrauber

Vor allem Spielfilme haben die in der Populärkultur relevanten ikonografischen Züge des Hubschraubers herausgearbeitet. So hat der Autor Filme archiviert, in denen sie auftauchen. Kurze Inhaltsangaben und Anmerkungen zu ihrer Rolle finden ihren Eintrag. Aber auch Werbeclips und Witze werden erwähnt. Ausgehend von der Beobachtung, dass der "Beginn der modernen UFO-Welle mit dem Beginn der allgemein zunehmenden Verbreitung von Hubschraubern" zeitlich zusammenfällt, kommt Dubel auf den Sonderfall des black helikopter zu sprechen, dem er einen Spitzenplatz in der Diskussion um das Ungeklärte einräumt. "Das fliegende Auge" - wie ein populärer Film Anfang der 80er hieß - ist zugleich auch das unsichtbare Auge, das Auge Gottes, das Auge der Technologie.

Wie an dieser Stelle deutlich werden sollte, sind vielfältige Assoziationen möglich. Unterschiedlichste Analogien bieten sich an. Der Archivar breitet sein Material so aus, dass die Gesamttextur nach allen Seiten hin offen bleibt, und jeder Punkt zum Ausgangspunkt für spekulative Ableitungen wird. Desöfteren fragt er sich zu Recht, was diese Methode für Erkenntnisse zuläßt. Zuweilen hat man das Gefühl, dass er sich im Windschatten seiner Hubschrauberhysterie und der damit verbundenen Apotheose seines Forschungsgegenstandes auch eine überhöhte Legitimation seiner wissenschaftlichen Ergebnisse sichert. Das ist der Fall, wenn hinter jedem noch so unscheinbaren Fund - etwa wenn in irgendeinem mysteriösen Text allein das Wort "Hubschrauber" auftaucht - Bedeutungszusammenhänge vermutet werden, die in ihren Zügen deutlich an paranoide Konstruktionen erinnern. Anders gesagt: Dass der Hubschrauber oft in Filmen auftaucht, in denen es um den Untergang unseres Planeten geht, heißt noch lange nicht, dass die Analysekategorie Hubschrauber weltbedeutend und die Menschheitsgeschichte deshalb neu zu deuten ist. Aber solange man Dubels Buch als den bekenntnisartigen Erlebnisbericht einer merkwürdigen Obsession liest, gehen auch solche Gedankenketten in Ordnung. So gesehen ist es streckenweise witzig.

Heinrich Dubel "Helikopter Hysterie" ISBN: 3-929010-58-5

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3465/1.html
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