Freitag, 24. September 2010

Kultur



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09.11.2000
 

Hubschrauber- Forschung

Der Helikopter und sein Double

Von Gunnar Luetzow

Der Berliner Hubschrauberforscher Heinrich Dubel untersucht in seinem Buch "Helikopter Hysterie" das vermehrte Auftauchen der Drehflügler in Kultur und Medien.

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Auch wenn Berlin keineswegs die pulsierende Kreativmetropole ist, als die es verkauft wird: Ein wenig anders als anderswo geht es dort schon zu. Geht man in Restdeutschland Berufen wie Kohlenkumpel, Krabbenpuler oder Häuslebauer nach, so kann man an der Spree seinen Lebensunterhalt auch anders verdienen: Die Studentin Vanessa Herb beispielsweise erfand einen "Kuscheldöner" und kommt mit der Herstellung kaum nach. Der ironische Unternehmer Rafael Horzon, der ein eher langweiliges Regal mit Szene-Partys zum Kultgegenstand erhoben hat, gründete eine "Wissenschaftsakademie", in der man sich über den "Schabrackentapir, Säuger des Dschungels" informieren kann. Die mit Abstand interessanteste Tätigkeit pflegt allerdings der Berliner Hubschrauberforscher Heinrich Dubel, der die Ergebnisse seiner Forschungen in dem Buch "Helikopter Hysterie" (Maas Media Verlag) veröffentlicht hat und wegen des großen Erfolges bereits an einer dritten, überarbeiteten Auflage schreibt.

Auf die ausgefallen anmutende Idee, sich einmal etwas grundsätzlicher mit der Geschichte des Helikopters und seiner rasenden Verbreitung in Kultur und Medien zu befassen, kam er anlässlich des "Hubschrauberzwischenfalls" in New York am Ostersonntag 1991. Heinrich Dubel berichtet: "Ich war damals der Helikopter-Hysterie bereits auf der Spur, obwohl ich noch gar nicht verstanden hatte, worum es sich dabei handelt. Damals war es eher eine unerklärte Faszination, der ich mich hingab. Als ich mich mit Freunden in New York befand, um dort einen Rundflug zu machen, war der ganze Heliport an der 34. Straße voller Touristen. Wir kauften ein Ticket für 93 Dollar, mussten zwei Stunden anstehen und haben auch diskutiert, was denn alles passieren könnte. Plötzlich wusste ich mit kristallklarer Sicherheit, dass demnächst etwas Einschneidendes und Außergewöhnliches passieren würde. Der Hubschrauber, in den wir eigentlich einsteigen sollten, kam angeflogen, drehte - und stürzte wie ein Stein in den East River."

Überall, wo man sie nicht vermutet: Helikopter
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DPA

Überall, wo man sie nicht vermutet: Helikopter

Auch wenn bei diesem Zwischenfall niemand verletzt wurde, klingt diese Geschichte bis hierhin so, als wäre Dubels zum Beruf gewordene Berufung aus dem Schrecken geboren, der bei nahen Begegnungen mit potenziell schicksalhaften Momenten schnell entsteht und lange nachwirkt. Doch nimmt man Heinrich Dubel einmal ernst und untersucht, wo außerhalb der von ihm bereits katalogisierten 38 Musikvideos, 17 Spielfilme und zahlreichen Zeichnungen und Karikaturen überall Hubschrauber aus dem Nichts auftauchen, wird einem schnell schwindlig: Auf den Taschen des angesagten amerikanischen Designers Paul Frank beispielsweise oder auf der Website des Duisburger Songwriters Tom Liwa. In der Londoner Boutique von Michiko Koshino findet man das Hubschrauber-Modell "Revolutor", auf einer Blumfeld-Platte hört man Hubschraubergeräusche und auch auf einem Gemälde Jean-Michel Basquiats ist einer dieser "Erfüllungsgehilfen archaischer Wunschgedanken" zu sehen.

Warum das so ist, weiß niemand besser als Heinrich Dubel: "Der Hubschrauber ist mehr als nur eine Abbildung seiner selbst. Er steht symbolisch für das höhere Selbst, das erlangt werden kann, wenn man über sich selber hinaus wächst - die Befreiung von der Erdenschwere. Das passende Bild dazu ist der Flug mit den Propellern am Kopf. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich die totale, von oben kommende Bedrohung, die aber natürlich auch aus dem eigenen Geist kommt. Dämonen, unheimliche Kräfte, besitzergreifende Wesenheiten." Doch nicht nur derart hochfliegende Gedanken macht sich ein Hubschrauberforscher von Berufs wegen. Zu seinem täglich Brot gehört neben der Auswertung der Tagespresse und der genauen Beobachtung der verschiedensten Subkulturen auch der Blick auf die real existierenden Fluggeräte und den seiner Einschätzung nach "exponenziell zunehmenden" Heli-Verkehr am Himmel über Berlin.

Das wachsende Interesse an seiner Person und seine gut gefüllten Veranstaltungen sind dabei leicht zu erklären: Wie wenige andere bringt er mit seiner Mischung aus Privatwissenschaft und Faszination am Ausnahmezustand ein Berlin auf den Punkt, das zwischen den Polen "Spielzone" (Tanja Dückers) und "Terrordrom" (Tim Staffel) seine Mitte sucht. Doch gibt es so jemanden wie Heinrich Dubel, dessen Nachname ein wenig nach "Double" klingt, eigentlich wirklich? Seine offizielle Biografie klingt mit ihren weltweiten Verstrickungen sehr abenteuerlich, und so bleibt die Antwort "ja und nein": Er existiert durchaus, nur wurde er erfunden. Und während man anderswo Menschen für gewöhnlich mit ihrem richtigen Namen anredet und nur bei näherer Vertrautheit den Spitznamen verwendet, ist es in Berlin genau andersherum. Genau wie den Wohnzimmerkünstler Karel Duba, der sich nach einem verunglückten tschechischen Bandleader aus den Sechzigern benannte, nur Freunde als "Kai" kennen, wird Heinrich Dubel nur von Bekannten aus seiner Kreuzberger Punkzeit als "Rosa" angesprochen. Wie nun Rosa wiederum wirklich heißt, weiß in Berlin kein Mensch - eventuell nicht einmal er selbst.

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