West-Berlin 1980 – 1989
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Helmut Kohl wird im Jahr 1982 Bundeskanzler. Er bleibt es 16 Jahre lang, fast bis zum Ende des Jahrhunderts. Im selben Jahr dreht Marius-Müller-Westernhagen "Der Mann auf der Mauer". Für den Film werden im Wedding 800 Meter Mauer samt Grenzübergang und Todesstreifen in Originalgröße aufgebaut, in Sichtweite der echten Mauer, wie ein Augenaufschlag mit falschen Wimpern. West-Berlin simuliert sich selbst – in Echtzeit, und passenderweise an Originalschauplätzen. Zugleich ist es Kulisse der Inszenierung seiner eigenen Vergangenheit.

Im Allierten Kriegsverbrechergefängnis in Spandau sitzt Rudolf Hess ein. Der "Friedensflieger" stirbt 1987, da ist Berlin 750 Jahre alt.

Überall ist West-Berlin noch Loch und Lücken. Zwischen Waldemar- und Naunynstraße, Mariannenplatz und Adalbertstraße liegen seit 1945 ganze Straßenzüge in Trümmern. Das ist Kreuzberg. Bis hierher sind die Trümmerfrauen nie gekommen. Das bleibt so bis zur Internationalen Bauausstellung 1984. Dann beschleunigt sich der Verfall zu behutsamer Stadterneuerung nach jüngsten verkehrswissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Plan, Teile Kreuzbergs abzureißen, um den Stadtring im Südosten West-Berlins zu schließen, bleibt unerfüllt. Die Gegend, die dies übersteht, heißt SO 36, wie der Club, der nach ihr benannt wurde. Beide Orte sind synonym für Entgrenzung und Übermaß, für Gewalt und Ekstase.

Hier dreht der bereits legendäre Roland Klick "White Star", mit Dennis Hopper. Es ist die Hochzeit der Straßenschlachten. Klick steckt GIs in fake-Berliner Polizisten-Uniformen und lässt sie sich mit Punks und Skinheads prügeln. Es wird ernst, als einige Komparsen Wurfgeschosse aus Styropor gegen echte Pflastersteine austauschen. Ein Kameramann bricht blutend zusammen, später geht eine Produktionsassistentin ins Wasser, doch wohl aus Liebeskummer.

Bei den Dreharbeiten zum späteren Berlin-Klassiker "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" fungieren Hausbesetzer und Punks gemeinsam mit und neben echten Junkies als Junkie-Darsteller. Während der Dreharbeiten im U-Bahnhof Kürfürstendamm kommt es zu einem Zwischenfall, der glimpflich verläuft, als ein schwarzer GI, who happened to have just scored von einer Autonomen angespuckt wird. Er zieht ein Messer, jagt sie über eine Rolltreppe. Produktionsassistenten und Beleuchter werfen sich heldenhaft dazwischen.

West-Berlin ist Frontstadt, das steinerne Herz des Kalten Krieges. Seine vielgeschmähte Provinzialität ist Maske und Hintergrund des Stücks. Die Straßen verwandeln sich in regelmäßigen Abständen in Kampfzonen, die Gebäude in Ziele, alliierte Panzer rollen durch die Stadt, die Soldaten proben Häsuerkampf. "Berlin ist alt, und voll Gewalt" singt Nina Hagen von der "sogenannten Stadt". An den Rändern, entlang der Mauer, im Niemandsland, brennt Müll. Im La Belle in Schöneberg geht eine libysche Bombe hoch. One disco down ...

In den Straßen Kreuzbergs, am Nollendorf- und Wittenbergplatz, in der Potsdamer Straße, rund um die Gedächtniskirche und manchmal sogar in Moabit wird gewalttätig und rituell das Soziale verhandelt.

Am 22. September 1981 wird Klaus Jürgen Rattay von einem großen Gelben überrollt. Über den Unfallhergang gibt es unterschiedliche Darstellungen. Der Polizeipräsident erklärt, es mehren sich die Zeugenaussagen, welche die von der Polizei gegebene Darstellung bestätigen. Danach sei Rattay nicht von Einsatzkräften der Polizei auf die Potsdamer Straße getrieben worden, auf der reger Autoverkehr herrschte. Der junge Mann sei vielmehr auf die Stoßstange des Busses gesprungen und abgerutscht. Bei nächtlichen Krawallen im Anschluß an einen Schweigemarsch werden über 100 Polizeibeamte verletzt, es kommt zu Brandanschlägen und Plünderungen. Insgesamt werden 143 Polizeifahrzeuge beschädigt. Über die Zahl der verwüsteten Schaufensterscheiben und Geschäftsfassaden liegen keine genauen Angaben vor. Die Sachschäden dürften jedoch Millionenhöhe erreichen. Auch im Ausland, in Amsterdam, kommt es im Zusammenhang mit den Berliner Vorfällen zu Ausschreitungen.

In Kreuzberg brennt ein Supermarkt. Dagegen gelingt es nicht, eine Tankstelle anzuzünden. Das linksradikale Milieu wird von Schwaben unterwandert. In manchen Stadtteilen bilden sich Milizen. Besorgte Bürger gegen Unruhestifter. Im Wedding formieren sich Rechte. Woanders Stalinisten gegen Kleingewerbetreibende. Irgendwas ist immer. Junge Türken retten die Besatzung eines Wasserwerfers, der sich im Park fest verfahren hat. Der Ausländeranteil ist straff organisiert.

Es ist nicht immer Weltrevolution. Manchmal verbringt man auch ganze Nächte im Kino oder dringt auf die Verwirklichung alternativer Lebensformen zwischen einem Gefühl für die Endzeit und Konsumverzicht, zwischen Häuserkampf und Queerness, zwischen Punk und New Wave. Im Spiel mit Körperbildern werden unterschiedliche Feminismen und indifferente Geschlechterrollen versucht.

Das von der Bundesrepublik subventionierte "Schaufenster des freien Westens" ist in seiner Gegenwart ein Schauplatz entsetzlicher Dramen, tragischer Geschichten, aber auch ungeheuerlicher Ausschweifungen und großer Kreation. Nena ist jetzt hier, und "99 Luftballons" steigen popweltweit in die Top Ten. Auf Hausparties laufen Madonna und Grandmaster Flash: "Into the Groove" und "White Lines ... "In einem alten Lied heißt es: "Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder, denn jeder Frühling hat nur einen Mai ..." Doch niemand kümmert sich drum.

West-Berlin ist ein Ort fantastischer Intensitäten, der Name selbst ein mächtiger Zauber. Schier unerschöpfliche Energien wollen freigesetzt werden. Die Promiskuität ist epidemisch, Drogen sind ohne Schwierigkeiten verfügbar. Speed reichlich und billig. Heroin. Opium. Alles. Viele Iraner sind in der Stadt.

Was Ohnmacht dem einen ist dem anderen Langeweile oder Überdruss. Wo sich der Gedanke an die Ursache erhebt, wird ein Desperado geboren, der sich als Prophet, Hochstapler, Künstler oder Anarchist herumtreibt. Jeden Tag kommen zehn weitere dazu und erfinden sich neu. Neubauten und Neonbabies. West-Berlin ist ihre Stadt. Im fieberkalten Untergrund ist es Mutter und Geliebte, Muse und Matratze. Das rote Licht der ewigen Nacht kultiviert eine dämonische Attraktion.

Noch ist nicht zu erkennen, wer die nächsten Jahre überstehen wird, und in welchem Zustand. Es sind nicht immer die Besten, die jung sterben, aber manchmal sind ein paar ganz Gute dabei. Ein junger Engländer stürzt betrunken von einer Fassade. Stadtsport ist Selbstmord. Jürgen Rapior oder Herbert, der weiße Hai vom Prinzenbad: auch er stirbt unter einem Omnibus, Opfer seiner Trunkenheit, fern von Berlin, auf Mallorca. Günther Held, Autoerotiker und Todesfreak, wäre richtig berühmt geworden, wenn der Strom und das Pulver ihn nicht umgebracht hätten. Auf der Linie 1 zwischen Möckernbrücke und Kottbusser Tor surfen im Hochsommer die Risiko-Pendler auf den U-Bahnwagen. Ein Typ namens Erbse verpasst, sich bei der Einfahrt in den Bahnhof flach hinzulegen. Er ist sofort tot. Die Trauerfeierlichkeiten am Platz vor dem Penny-Markt ziehen sich. Seine Kumpels Kartoffel und Rübe dosieren sich mit wochenlangen LSD-Trips ins Verschwinden.

Die Bravo bringt eine Foto-Lovestory über die Kids vom Kotti. Beim Einsturz der Kongresshalle – die wo angeblich Schwangere Auster genannt wird – stirbt ein Arbeiter. Das ist der psychogeografische Nexus der Halbstadt: Keller und Tod. Mittenmang und jottwede. Brandmauer ist ein Berliner Wort. Andere Namen sind Harald Juhnke und Hänschen Rosenthal.

Heimatkunde. Gleisdreieck ist Wildnis, der zentrale Bereich historisches Niemandsland. Kein Polizist geht je da rein. Hier hat man Haushofer gefunden, mit einem Genickschuss. Unter dem Schuttlager, unter dem Autodrom, wo man Auto ohne Führerschein fahren kann, liegen die Zellen der Gestapo. Das ist auch ein schwarzer Ort, wo zuerst das Ende ist. NF = No Future, No Fun, später Nationalistische Front – unter allen Dächern Schultheiss-Gespenster und Namen von Geisterbahnhöfen. Solange nur die Mauer steht, bleibt Friedrichstraße zollfrei. Auch politisch immer wieder die Sumpfmetapher.

Die Micky-Maus-Magnetschwebebahn kommt so weit nicht, die hat nur drei Stationen. In der letzten fährt sie durch die Wand, gleich in der ersten Woche. Die "normale" Stadt ist Spieldose, Einkaufszentrum, Kulturhauptstadt, Symbol ohne Zukunft, auf einer Kreuzfahrt ans Ende der Geschichte. West-Berlin in den 1980ern hat mehr Psychiater als irgendeine andere deutsche Stadt. Die Norm will vollstreckt werden, gerade hier, wo nichts normal ist.

Andere Ort, nicht zeitlich geordnet, dafür unvollständig: Café Central (Iggy Pop eingesperrt in der Telefonzelle, und niemand lässt ihn raus. Die Stimmung phänomenal, das Selbstbewusstsein überzogen, maß- und gnadenlos), Café Vaterland ("Szene"), Cri du Chat ("Don't Ride the White Horse, Ride the White Pony" ... and I mean it.), der Dschungel (zeitgenössische Kunst hat wesentlich eine geschichtsmächtige Richtung: experimentum crucis), Ellies Bierbar (historischer Homosexuellentreff und Fixerstube), endart (Patientenkollektiv, erstmals Westbam), Ex & Pop in der Eisenacher (Billard, Bier, Baudrillard), Linientreu (Von Disco-Disko zu New-Wave-Disko), Metropol (alles, alle), Mittenwalder (Metallbox voller Klapperschlangen, Sehnsucht und Selbstvernichtung, toxische Paranoia), Mitropa (gewisse Praktiken, auch Frühstück), Mördereck (musikalische Experimente, neoistische Provokation, Bier eine Mark), Music Hall (Punks sortieren sich zu Nazipunks oder Skinheads, und manche entfallen), Potsdamer Abkommen (Verheißungen auch der Vergangenheit), Risiko (unerreicht die Reaktion der Avantgarde: die Country- und Rock'n'Roll-Infusionen halten lange, lange vor; und: hallo Mädels), Schizzo (Kokomanie, Wunde romantisch), SO 36 (tranzendentale Säule der Singularität), GOtt (Wer ist wie wir?), das erste, alte, wahre Tempodrom auf dem Potsdamer Schlamm- oder Staub-Platz (A Boy named Old School), daneben der eine echte Flohmarkt, sonntagfrüh...

Die Anti-Ronald-Reagan-Demo ... Did You know that if you re-arrange "Ronald Wilson Reagan" letter by letter it spells "Insane anglo warlord"? Reagan fordert das Ende der Teilung. Er wird es bekommen ...

Enter AIDS und Acid House. Die 80er sind irgendwann am Ende, und so ist West-Berlin. Techno behält seine Unschuld für eine Schrecksekunde. Dann marschiert das Kapital. Ihr seid das Volk. Aber wir haben das Geld. In Zukunft gibt es Internet.
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