The Beat Goes On – Das Kalendarium toter Musiker

The Beat Goes On ist ein kompakter, praktischer > Taschenkalender.
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2013

Whitney Elizabeth Houston, geboren 9. August 1963 in Newark, New Jersey; gestorben 11. Februar 2012 in Beverly Hills, Kalifornien

Den Wikpedia-Eintrag zu Whitney Houston gibt es in über 80 Sprachen, darunter einige, deren Schriftzeichen nicht dargestellt werden. Leben und Tod der Ausnahme-Diva (sie gilt als Begründerin des Diven-Genres) zeugen von größter Tragik. Ihre so außerordentliche Stimme (für die sie bewundert und beneidet wurde und die sie doch viel zu häufig an mittelmäßige Kitschmusik verschwendete), ihr extremer Erfolg (mehr als 170 Millionen verkaufter Platten, der Film Body Guard mit Kevin Costner), ihre totalen good looks (die sie schon 1981 auf das Cover des Teenie-Magazins Seventeen brachten; sie war die erste schwarze Künstlerin auf dem bis dahin exklusiv weißen MTV-Musikkanal und gilt bis heute als „first black America's sweetheart“ US Weekly), ihr grundsolider familiärer Hintergrund (Tochter des Gospelstars Cissy Houston, Kusine von Dionne Warwick und Patentochter von Aretha Franklin) – nichts und niemand konnte verhindern, dass sie sich von einer gut frisierten und schön manikürten Lady in eine Drogenschlampe verwandelte. Der Grund: Ehemann Bobby Brown gab ihr Drogen, prügelte und fickte und prügelte sie. Ab 1996 war sie täglich breit. Whitneys Schwägerin erzählte die ganze Geschichte und verkaufte die passenden Fotos: das Haus voller Crackpfeifen, verrußter Löffel, überall Koksreste, Bierdosen, Müll. Whitney, die Dämonen halluzinierte, mit bloßen Fäusten Löcher in Wände schlug, sich ihrer umfangreichen Vibratorenkollektion widmete, sich selbst verstümmelte. Die Presse griff alles begierig auf. Im Jahr 2000 versuchte Whitney Houston nach einer Entziehungskur ein Comeback. Es wurde ein Desaster. Die Gleichgültigkeit, die sie ihrem Talent jahrelang entgegengebracht hatte, rächte sich. Sie hatte keine Platten gemacht, war nicht getourt, hatte nicht einmal geprobt. Weitere Entzugsmaßnahmen in 2006 (nach der Scheidung von Bobby Brown) und 2011 änderten daran nichts mehr: ihre Stimme war weg, die Karriere vorbei. Sie verreckte im Alter von 48 Jahren in einem Hotelzimmer.


Hazy Osterwald, geboren 18. Februar 1922 als Rolf Erich Osterwalder in Bern; gestorben 26. Februar 2012 in Luzern


Das Wirtschaftswunder ist angesprungen wie eine gutgeölte Maschine. Im Radio läuft Musik von Caterina Valente, Conny Froboes, Peter Alexander und Bill Ramsey. Dabei ist auch ein Schweizer Jazzmusiker mit Buchhalterhabitus, der zu swingen versteht, dass es nur so in die Welt hinaus vibriert. Hazy Osterwald soll eigentlich nach Hollywood. Die Koffer sind schon gepackt, da macht ihm die US-Musikergewerkschaft einen Strich durch die Reisepläne. Arbeit zuerst für Einheimische, heißt es. So erobert Hazy Osterwald mit seinem Sextett den deutschsprachigen Raum. Sein Sound hat einen eigenen, dynamischen – ja, internationalen –Stil, der jedoch auch mit dem deutschen Schlager kompatibel ist. 1959 landet Hazy Osterwald einen Nummer-eins-Hit in den schweizerischen, österreichischen und deutschen Hitparaden – den Kriminaltango. In einer Mischung aus Brecht und Edgar Wallace beschwört das Stück die Dramatik, auch die Exotik einer Bar im Schummerlicht, in der Unterweltsgestalten umeinanderkreisen, bis Schüsse fallen. Von der Single (Polydor #24048) werden mehr als eine Million Exemplare verkauft. Das Hazy-Osterwald-Sextett wird zur ständigen Einrichtung auf deutschen Bühnen, in „Lieben Sie Show?“, die in 35 Ländern ausgestrahlt wird, ist Osterwald Star in einer der bis heute international erfolgreichsten deutschen Fernsehshows. In der Schweiz eröffnet er die Hazylands, eine Reihe von Nachtclubs. Das Hazy Osterwald Jetset, wie es inzwischen heißt, ist offizielle Band der Olympiade in München 1972 und der Winterspiele in Insbruck 1976. Osterwald lebt groß. Über dem Zürichsee baut er sich eine 60-Zimmer-Villa, die größte der Schweiz. Als sich der Publikumsgeschmack ändert (Disco), verschwindet Osterwald in der Versenkung. Bald ist das Geld alle. Eine Rückkehr zum Jazz verschafft ihm 1984 noch einen Achtungserfolg. Über die Parkinson, die ihn ins Grab bringt, sagt er: „Eine blöde Krankheit, die aber in keiner Hinsicht wehtut.“


Rudi Carrell, eigentlich Rudolf Wijbrand Kesselaar, geboren 19. Dezember 1934 in Alkmaar, Niederlande; gestorben 7. Juli 2006 in Bremen

Wie erfassen, was Rudi Carrell der deutschen Fernsehunterhaltung und ihrem Publikum angetan hat? Etliche Generationen wuchsen unter dem Einfluss des mit absichtlich vernuschelter Stimme vorgetragenen, ewig trockenen Witzes des Holländers auf, der über 35 Jahre das TV-Entertainment dominierte. Jahrzehntelang war er Marktführer im Bereich der großen Samstagabendshow, entwickelte ein Format nach dem anderen. Montagmorgens auf dem Schulhof hieß es: „Hast Du Rudi Carrell gesehen?“ Wer ihn nicht gesehen hatte, war blöd. Rudi Carrell stammte aus einer Showbiz-Familie, Vater und Großvater waren Bühnenmenschen gewesen. Seine Karriere begann beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson im Jahr 1960, wo er mit dem Liedchen „Wat een geluk“ (Was für ein Glück) unter den letzten drei landete. 1965 startete die ARD die „Rudi Carrell Show“, in der schon bekannte sowie zukünftige Stars in teils langatmigen Sketchen auftraten. Carrell stand in Schlagerfilmen und Krawallkomödien vor der Kamera, häufig in Frauenkleidung. Mitte der 1970er wurde die „Rudi Carrell Show“ von dem noch erfolgreicheren „Am laufenden Band“ abgelöst, bei dem der Siegerkandidat nur die Preise mit nach Hause nehmen durfte, an die er sich erinnern konnte, nachdem sie auf einem Fließband an ihm vorbeigeführt worden waren („ ... und dann noch das Fragezeichen“). Weitere Formate folgten („Herzblatt“, „Die verflixte Sieben“, „7 Tage, 7 Köpfe“). Mit „Rudis Tagesshow“ – das Format der Nachrichtenpersiflage ist inzwischen zum Branchenstandard geronnen – löste Rudi Carrell 1987 einen internationalen Zwischenfall aus, als er einen Sketch zeigte, in dem verschleierte Frauen den Ayatollah Khomeini mit Unterwäsche bewerfen. Iran wies daraufhin zwei deutsche Diplomaten aus und schloss das Goethe-Institut in Teheran „für immer“. Mit seinem Hitsong „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ von 1975 ist Rudi Carrell bis zum heutigen Tag präsent, wenn sich Deutschland mal wieder über eine als unzulänglich empfundene Witterung aufregt.


Amy Jade Winehouse, geboren 14. September 1983; gestorben 23. Juli 2011
Bernd Clüver, geboren 10. April 1948; gestorben 28. Juli 2011

Amys Karrierestart war fulminant. Ihr Album Back to Black räumte in einer Nacht fünf Grammys ab. Fünf! In einer Nacht! Ein Novum. Sie sang, als risse sie sich (und uns) Herz und Seele aus dem Leib. Ihre Musik war gravitätisch, schwermütig, zugleich elegant und spielerisch. Wir folgten begierig Amys Eskapaden, dem Drogen- und Beziehungsirrsinn. Wir saugten die Klatschspaltenbilder ihres mageren, tätowierten Körpers ein wie einen exquisiten Cocktail. Als warteten wir nur darauf, dass etwas Schlimmeres passiere als aufgeschürfte Knie, abgerissene Fingernägel und verstauchte Knöchel. Als es soweit war, überlagerte sich die Nachricht ihres Todes mit einer völlig anders gearteten Tragödie. Am Tag zuvor hatte Breivik in Oslo acht Menschen in die Luft gesprengt und anschließend weitere 69 erschossen. Im Facebook war viel von Amys „zu frühem Abgang“ die Rede, Breiviks Mordtaten kamen so gut wie nicht vor. Einige User sahen sich genötigt, die Diskrepanz zwischen der Anzahl der veröffentlichten Anteilnahmen für dieses und jenes Ereignis zu thematisieren, was zu interessanten Rechtfertigungen führte: „Amy Winehouse hat mir viel gegeben. Die Leute da in Norwegen kannte ich ja noch nicht mal.“ Obwohl das Massaker von Norwegen und der Drogen- und Alkoholtod der einstmals „schönen“ Sängerin in der Berichterstattung gleichberechtigt nebeneinander existierten, waren sie doch wie aus zwei getrennten moralischen Universen in die Medien (und in unsere Unterhaltungen, Gedanken, Träume und Ängste) getreten. Die Übermacht dieser Kombination war so gewaltig, das darin der Tod des deutschen Schlagermenschen Bernd Clüver, der fünf Tage später eine Treppe hinunterfiel und starb, vollkommen unterging. Clüvers bekanntester Hit war Der Junge mit der Mundharmonika gewesen, doch gesamtgesellschaftlich wichtiger blieb wohl, dass er als erster deutschsprachiger Schlagersänger das Thema Homosexualität behandelte, in dem Song Mike und sein Freund, wofür das ZDF ihn mit Auftrittsverbot bedachte.
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2012

Guido Hubert Schöpper
, genannt Spoon, geboren am 10. August 1961, gestorben am 8. Januar 2010

Niemand kann sich erinnern, woher der Name kam, was er bedeutete. Er war plötzlich da: "Ich bin Spoon", sagte Spoon. Das war es dann. Seine erste Band, nach der Oberschule in Münster, hieß Sex or Riptides. Beim Bund wurde er "unehrenhaft" entlassen, er hatte sich trotz Beugehaft geweigert, die blau gefärbten Haare schneiden zu lassen, sprach wochenlang kein Wort. Mitte der 80er-Jahre kam er nach Berlin. Spoon war Gitarrist, spielte Blues und existenzialistischen Rocklärm, manchmal – "projektbezogen" – Bass und Schlagzeug. Die Liste seiner Bands ist nicht lang. Fast alle sind heute vergessen: Knochengirl (Spoon zeichnete weit über den Existenzzeitraum der Band eine gleichnamige Comicserie, die nie veröffentlicht wurde), Kiss Freak Steven, das Kreuzberger Nasenflötenorchester (das am ehesten so etwas wie überregionale Bekanntheit erlangte), das Feedbackorchester. Es heißt, Spoon sei verrückt gewesen, man konnte kein einziges "vernünftiges Wort" mit ihm wechseln. Berüchtigt war er für seine "dummen Stunts": gewalttätige, selbstzerstörerische Ausbrüche, absichtliche Stürze, Zerstörungen, die ihn seinen Freunden entfremdeten und bald nicht mal mehr Mitleid hervorriefen. Ein Kollege charakterisierte Spoon so: "Er ist ein Arschloch, aber auch ein wahnsinniges Genie. Also mehr wahnsinnig als Genie. Er ist ein Masochist und Quälgeist, der alle leiden sehen will, der aber auch ganz lieb sein will, aber nur manchmal kann, und der Begriffe wie Selbstachtung oder Todessehnsucht vollkommen transzendiert." Alkoholmissbrauch und der Stress einer Existenz am psychischen und physischen Limit führten zu einem ersten amtlichen Herzinfarkt, in dessen Folge sich Spoon – für seine verbliebenen Freunde überraschend – einigermaßen selbst resozialisierte. Er wurde umgänglicher, ohne den Wahnsinn völlig zu verlieren. Zu Geld kam er nie. Überliefert bleibt sein Credo: "Hauptsache Hand in den Mund."


Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, bekannt als Peter Alexander, geboren am 30. Juni 1926, gestorben am 12. Februar 2011

Wie ambilvalent das Verhältnis einer jüngeren Generation zu diesem Größten der deutschsprachigen Unterhaltungsindustrie war, mag ein Dialog aus dem Facebook veranschaulichen. Die Meldung seines Todes wurde dort so kommentiert: "Ein Titan ist tot." Darauf schrieb jemand: "Peter Alexander war eine Schlagerschwuchtel, kein Titan." Umgehend erschien diese Antwort: "Aber nein. Peter Alexander war nun definitiv keine Schlagerschwuchtel. Roy Black war eine Schlagerschwuchtel. Michael Holm war eine Schlagerschwuchtel. Bernd Clüver war eine Schlagerschwuchtel. Peter Alexander war keine Schlagerschwuchtel. Peter Alexander war ein Titan." Fürwahr. Während sechs Jahrzehnten bespaßte "Peter der Große", wie ihn seine Fans ehrfurchtsvoll nannten, die heile Welt der Film- und Fernsehunterhaltung, der Musical- und Showbühnen. Er wirkte in mehr als 50 Spielfilmen, in 40 eigenen TV-Shows. Er nahm über 120 Langspielplatten auf, dazu 156 Singles, die sich abermillionenfach verkauften. Auch war der Österreicher der erfolgreichste Tourneekünstler im deutschsprachigen Raum. In der DDR hatte er eine solide Fangemeinde, obwohl er dort nie live aufgetreten ist. Immerhin gab es Amiga-Editionen seiner bekanntesten Werke. Manche sagen, er hätte auch nach Hollywood gehen können. Er zog es jedoch vor, Hollywood auf die Heurigenbühne zu holen, wo er mit Joan Collins, Tom Jones, Liza Minelli oder auch Johnny Cash auftrat, mit dem er auf Deutsch sang: "Jung samma, fesch samma". Bis ins hohe Alter gab Peter Alexander den ewigen Jungen, der zugleich auch ein stets verschmitzer, perfekt frisierter und immer idealer Schwiegersohn war. Das hielt er durch, bis kurz nach der Goldenen Hochzeit seine Frau Hildegard starb. Danach zeigte er sich nur noch einmal, zu seinem 80. Geburtstag, mit einer kurzen Jazz-Version seines Dauerhits "Dankeschön", live aus seinem Wiener Wohnzimmer.
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2011

Bob Hope
, geboren am 29. Mai 1903, gestorben am 27. Juli 2003

Bob Hope liebte niemanden mehr als das Publikum. Der Meister des one-line gags konnte nicht ohne Applaus. Als er mal Urlaub machte, was eher selten vorkam, brach er die Kreuzfahrt ab, weil es ihm zu ruhig war: "Fische applaudieren nicht", sagte er. Lester Townes Hope, dessen Eltern aus einfachen Verhältnissen stammten, kam mit fünf Jahren aus England in die USA. Mit 12 sang und tanzte er in der Straßenbahn, die Ausflügler in den Vergnügungspark kutschierte. Im Vaudeville-Theater und den Boardwalk-Sideshows trat er mit Freaks und Eisenbiegern auf. Unter dem Namen Packy East boxte er. 1929 änderte Lester seinen Namen in Bob Hope, weil das nach einem freundlichen "Hallo, wie geht's" klang. Bob Hopes Karriere kam durch Radioauftritte und das Fernsehen in Fahrt, ja man kann sagen, Hope war in die Genetik des US-Fernsehens eingebaut: 1932 trat er in der ersten Testsendung von CBS auf. Er drehte massenhaft Filme und Fernsehserien, häufig mit jüngeren weiblichen Gesangspartnern wie Olivia Newton-John oder Brooke Shields. Die Verwendung eines Skripts lehnte er ab. 1992 wurde eine Folge der Simpsons ausgestrahlt, in der er als er selbst erschien, die mehr als 11 Millionen Zuschauer hatte. Hope setzte sich wie kein Zweiter für die Unterhaltung der US-Truppen im Kampfeinsatz ein. Das begann im 2. Weltkrieg und ging so weiter bis Vietnam. Seine Leidenschaft galt dem Golfspiel. Gespielt hat er mit allen US-Präsidenten von Eisenhower bis Bush Senior, was ihn in die Golf Hall of Fame brachte. Bob Hope gilt als der "meistgeehrte Entertainer aller Zeiten". Im Guiness-Buch der Rekorde sind über 1500 Auszeichnungen eingetragen, darunter fünf Oscars, die ihm alle ehrenhalber verliehen wurden. Auf dem Hollywood Walk of Fame ist er mit vier Sternen vertreten. Selbst sein Tod wurde nicht einmal, sondern zweimal fälschlicherweise zu früh verkündet.
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