"Zille war Gefühlssozialist."

Taz vom 9. Januar 2008

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Der Milljöh-Zeichner war auch Fotograf und scharfer Beobachter mit einem politischen Blick auf die Ungerechtigkeiten seiner Zeit war, sagt Matthias Flügge, Kurator einer Zille-Ausstellung in der Akademie der Künste.


"Jeder vermeint, den famosen Schilderer des Berliner 'Milljöhs' zu kennen", bemerkte Adolf Behne schon 1920. Dabei kenne das Publikum nur den halben Zille "und will offenbar nur den halben". Lange passierte in Berlin nichts, um jene andere Hälfte Zilles vorzustellen, den "scharfen Beobachter mit vorbildloser, intuitiver Gestaltungskraft", der einen "nüchternen Blick auf die sozialen Verhältnisse im Berlin der Jahrhundertwende wirft", wie Matthias Flügge, der Kurator der aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste, in seinem Buch über das fotografische Werk Zilles schreibt.

Zum 150. Geburtstag Heinrich Zilles am heutigen Donnerstag eröffnet die Akademie eine Ausstellung, in der erstmals umfassend die verschiedenen Medien zusammengeführt werden, in denen Zille sich betätigte. Auch wird die Rezeptionsgeschichte des "Pinselheinrichs" kritisch beleuchtet. Flügge, eloquenter Verächter der Rezeption Zilles als "vermeintlicher Kleinbürgerhumorist mit Proletenhabitus", ist Mitglied der Akademie und Kunsthistoriker.

Matthias Flügge, 55, ist Kunsthistoriker. Bis zum Jahr 2006 war er Vizepräsident der Akademie der Künste. Er hat die Zille-ausstellung kuartiert.


Taz: Herr Flügge, Pinselheinrich, Arme-Leute-Maler, Multimedialist – wer ist Zille wirklich?

Matthias Flügge: Was ist Zille? Ein Humorist, Karikaturist, Fotograf ist er nicht, ein Künstler im klassischen Sinne auch nicht. Er ist jemand, der versucht, seiner Lebenshaltung, die sehr widersprüchlich ist, einen authentischen Ausdruck zu verleihen.

Zille wird aber dennoch von Kleinbürgern und Stammtischkonservativen goutiert, die sich des Zille bemächtigen und damit ihre Kate ausschmücken.

Es gibt ja immer Leute, die sagen: "Zille, ach du Schande", die rümpfen die Nase und sagen: "Det is irgendwie so Berliner Folklore und det kann man voll vergessen." An dieser Rezeption war Zille nicht unbeteiligt. Obwohl er immer versucht hat, gegenzusteuern, war ihm klar, dass er kleinbürgerliche Ressentiments bediente in den Medien, die das von ihm erwarteten. Dazu gibts eine Reihe von Selbstaussagen. Karl Arnold hat für den Simplicissimus ein Blatt gezeichnet, wo so ein Bourgeois dem Zille eine Zigarre gibt und sagt: "Nehmse ma noch ne frische Havanna, Meister Zille, Sie haben uns mit ihren armen Leuten immer so viel Freude gemacht." Zille hat gesagt, er schäme sich, dass das so wahr war.

Ist Zille demnach ein verkannter Künstler?

Zille ist nicht mal verkannt. Man kann nur verkennen, was in der Substanz klar vorhanden ist. Zille ist einfach nicht greifbar.

Zille war mit Auftragsarbeiten weit erfolgreicher als mit seiner "Kunst". Hat er sich "verkauft"?

Man fragt sich, warum er sich auf die doch sehr unterdrückende Zusammenarbeit mit den Lustigen Blättern eingelassen hat, die Tucholsky etwa als den letzten Abschaum deutscher Witzblätter betrachtete. Die waren im Vergleich etwa zum Simplicissimus unter Niveau. Obwohl dort sehr gute Leute arbeiteten. Walter Trier hat da gearbeitet, der junge Grosz, anfangs auch Feininger. Zille hat sich dieser Gängelei mit manchmal sehr fragwürdigen Ergebnissen unterworfen. Er kam ja aus ganz armen Verhältnissen, hatte immer eine gewisse Existenzangst. Aber das ist nicht der einzige Grund. Er hat das auch gemacht, weil er wusste, dass er in diesen Blättern mehr und andere Leute erreicht als mit den letztlich elitären Intellektuellenzeitschriften, für die er auch gearbeitet hat.

Außerdem war er politisch ein ziemlicher Wirrkopf, Gefühlssozialist, keiner, der eine klare Idee hatte, wie die Gerechtigkeit, die er immer ersehnt hat, herzustellen sei. Das hat er auch selber immer wieder gesagt, dass es ihm nur darum ginge, da zu helfen, wo er helfen kann und wo er sehen kann, was passiert. Wie geht einer mit so einer Situation um, der die bürgerlichen Lebensmechanismen nicht beherrscht, sondern erst erlernen muss. Der nur weiß, er kann besser kucken als andere Leute, er sieht Dinge, die andere nicht sehen, und er hat eine Empathie zu den Menschen, deren Umfeld er entronnen ist. Er zeigt sich dankbar dafür und will davon was zurückgeben. Tut das auch in Form von Fünfmarkscheinen, hat aber auch immer das Gefühl: Das kanns nicht gewesen sein, findet aber keinen anderen Weg.

Zilles Werk ist riesig. Wie haben Sie ausgewählt? Was wird in der Ausstellung gezeigt?

Wir bringen Fotografien und Zeichnungen in eine so noch nicht konstruierte Verbindung, um den inneren Werkzusammenhang von Zilles Arbeit in der Zeit um 1900 zu zeigen. Zwischen 1896 und 1902 entstanden die wichtigsten Fotografien, da entwickelte er Themen und Formen, die bestimmend blieben. Wir haben uns auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beschränkt.

Die Ausstellung heißt "Kinder der Straße", was 1908 der Titel von Zilles erster eigener Buch-Veröffentlichung war, mit Anspielung auf Paul Heyses damals berühmten Roman "Kinder der Welt", ein Titel, der Menschen meinte, die aus dem religiösen Zusammenhang ins Säkulare entlassen sind und nicht mehr als Kinder Gottes daherkommen. Zille hat dies noch mal gesteigert, um die Heimatlosigkeit des großstädtischen Lebensgefühls, wie es vom Naturalismus des späten 19. Jahrhunderts geprägt und künstlerisch umformt war, wachzurufen.

Obwohl die Fotografien bereits in den 60ern aufgetaucht sind, scheinen sie vielen doch unbekannt zu sein. Was ist die Geschichte der Zille-Fotos?

Der Fackelträgerverlag in Hannover hat 1966 Friedrich Luft beauftragt, ein Buch über Zilles Fotografien zu machen, die bis dahin unbeachtet in Zilles ehemaliger Wohnung lagen. Das war damals nicht sehr erfolgreich. 1975 hatte dann der Schirmer/Mosel-Verlag den richtigen Riecher. Er hat den jungen Kunsthistoriker Winfried Ranke mit der Bearbeitung beauftragt, der dann erstmals die Bilder lokalisierte und datierte. Sie organisierten damals eine Wanderausstellung, die großes Aufsehen erregte. Nachdem über vielerlei Umwege die Originalnegative und Zilles Kontaktabzüge in die Berlinische Galerie gekommen sind, wurde Enno Kaufhold mit dem wissenschaftlichen Werkverzeichnis beauftragt.

Seither ist nicht mehr viel passiert. Schirmer hatte schon 1985 den genialen Einfall, den damals noch nicht so bekannten Fotografen Thomas Struth zu beauftragen, die Negative neu zu printen. Das sind die Sachen, die wir jetzt hier erstmals sehen können. Danach haben noch Michael Schmidt und Manfred Paul Abzüge gemacht, von denen wir auch einige haben, und dann sind da noch die Originale, die Vintage-Prints. Man muss wissen, dass Zille selber immer nur einen Kontakt gemacht hat. Er hat die Bilder nie vergrößert oder auf irgendwelche Edeldruckverfahren hochgezogen.

Heute würde man Zilles Herkunft als eine aus dem Prekariat bezeichnen, das auch heute kaum ein Hort kritischen politischen Bewusstseins ist.

Zille kam aus einem autodidaktischen Verhältnis zur Kunst, das handwerklich geprägt war, er hat ja die Preise seiner Arbeiten immer nach der Zeit der aufgewendeten Arbeit bestimmt und nicht nach irgendwelchen kunsthandelsmäßigen Marktwertkriterien. Er dachte, dass, wenn er seinen Erfahrungsschatz nach außen trägt, er damit eine Form von sozialem Verantwortungsgefühl wachrufen kann. So hat er sich allen überindividuellen Konzepten der Weltverbesserung verweigert. Zille hat davor kapituliert, letztendlich. Er ist aus diesem Zwiespalt nie rausgekommen.

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